Individualisierung ist nichts für mich.

Hallo Mitmensch,

ich habe Angst. Angst davor, dass ich in diesem ganzen Individualisierungsdruck niemals meinen Platz finden werde.
Denn: vielleicht bin ich überhaupt nicht so einzigartig und individuell wie es Gesellschaft und Welt fordert, sondern einfach nur ein Mensch unter vielen Menschen. Niemand, der irgendwas besonders gut oder nicht gut kann, sondern einfach nur Mensch.
Individualisierung macht mir Angst, denn mein Alltag ist nicht besonders aufregend, nicht besonders beneidenswert. Und das meine ich nicht als negativ Bewertung, sondern als Feststellung meines Nicht-Individualisierungs Prozesses. Ich habe Angst davor laut zu sagen, dass ich nichts großartiges leisten will, aber vor allem auch nicht leisten kann. Ich weiß, damit machte ich mich zu einem schlechteren Menschen, einem unbrauchbaren oder gar faulen Menschen. Individualisierung macht furchtbaren Druck und oft fühle ich mich dadurch so gelähmt, weil ich mir nicht wünschen kann individueller zu sein, sondern viel mehr Mensch. Und dass das Andere nur das laibhaftig Andere ist und nicht das individuelle Andere.
Und ich wünsche mir von Herzen, dass wir weniger individuell sind… und dass dieser Text weniger verwirrend wäre für alle Individualisten.

Isolierte Seele.

Am Ende sind wir vielleicht alle nur isolierte Seelen in einer belebten Atmosphäre, deren Duft wir zwar atmen, nicht inhalieren und dessen Geräusche wir hören, aber nicht verinnerlichen können. Und deren einzige Verbundenheit zur Welt aus dem Wunsch nach dem Verbunden sein resultiert. Am Ende sind wir nur ein paar einsame Seelen, die sich verlieren, bevor sie wahrgenommen waren und die vergessen sein werden, bevor sie für irgendwen zur Erinnerung werden konnten. Am Ende gab es nicht einmal eine Schlusslinie, weil niemand je angefangen hat.

🦋.

Meine Seele hat Glasknochen und zergeht wie berührte Schmetterlingsflügel unter Ereignissen von Welt. Meiner kleinen Mini-Welt, die in Finsternis nur bis zur Zehenspitze reicht. Ich ärgere mich über mich. Über die Dunkelheit, der ich manchmal einfach kein Licht entgegensetzen kann. Und die ich dann verzweifelt hinnehme, als würde ich sie bereitwillig tragen können. Manchmal verstehe ich mich nicht. Manchmal verstehe ich nicht, warum mir die Traurigkeit so nahe liegt und so wenig Worte bleiben, um all die wunderbaren Momente festzuhalten. Festzuschreiben. So fest, dass ich mich daran festklammern könnte bis der Seelenbruch wieder abheilt. Bis die Regenwolke ihren Dienst vollbracht- und die warmen Sonnenstrahlen allem die Schwere entzieht.
Über die Dunkelheit schreibt es sich um so vieles leichter. Über schwere Steine und Erdbeben lässt sich so viel länger nachdenken,… .

Ich weiß ganz gewiss um Schönheit, Faszination und Liebe. Ganz gewiss, um strahlende Zeiten und Feuerwerke in der Seele. Ich weiß ganz gewiss, um Tageslicht und Vertrautheit. Um Herzlichkeit und Freuden. Aber meine Seele hat Glasknochen. Und manchmal, wenn nur etwas ganz kurz, ganz unbedacht berührt, verliere ich Perspektive und Zuversicht. Ein bisschen wie ein Schmetterling, dessen Flügel unter der Berührung zu verkommen droht.

Ungebetener Gast

Hallo Mitmensch,

ich glaube, ich kann inzwischen (Raum-)Decken hypnotisieren und dabei Muskelkater entwickeln. Decken sind seltsame GesprächspartnerInnen. Also zumindest meine Zimmerdecke. Sie schweigt mich in aller Konsequenz an ohne dabei auch nur ansatzwe rot zu werden.

Meine Gelenke schmerzen heute wieder furchtbar und die 100gr Nudeln zum Mittag haben sich gewichtig ins Zeug gelegt, um mir nach zwei Gabeln so schwer im Magen zu liegen, dass mir der Appetit vor Schreck entwischt sein muss. Nun ist es bereits Abend und ich liege immernoch fast wie versteinert in meinem Bett, über mir die stumme und ungenierte Zimmerdecke, unter mir eine völlig erschöpfte Matratze. In mir ein ungebetener Gast, läuft mit dreckigen, aber wenig geerdeten Fußtritten durch mein Oberstüblein und verschiebt mich in Stücken in vergilbte Datei-Ordner. Der Gast kippt mir überschäumende Leere in die Hirnzellen und freut sich mit hässlicher Fratze, wenn diese an ihrer Aufgabe, klare und brauchbare Gedanken zu formulieren, scheitern. „Ich habe kein Gästezimmer“, will ich noch sagen, da hat er sich schon an die Seelenwände gelehnt und seine Zigarre ausgepackt.

Aufgegabelt.

Hallo Mitmensch,

verrückt, dass ich noch nicht einmal meinen Blog gedankenlos benutzen kann. Ich habe mich tatsächlich gefragt, ob ich hier wohl noch einmal schreiben darf, wo ich doch schon heute Mittag geschrieben habe (als ob das irgendwen auch nur einen Hauch interessieren würde, ob und was ich Tabula Rasa entgegensetze. Das ist doch wirklich zynisch, dass man sich auf der einen Seite so unwichtig nimmt und auf der anderen Seite Sorge hat, dass man mit der eigenen Unwichtigkeit auch noch irgendwen stören könnte).

Um ehrlich zu sein, liege ich mit aufgequollenen Augen im Bett und habe meinen hart ertrunkenen 1 Liter Wasser mit einem Heulanfall wieder abgebaut. Dabei war ich heute schon Sonne tanken, habe gelacht und habe Haltung bewahrt (dafür würde ich mir selbst die goldene Bananenschale verleihen). Wenn ich dieses Stück Seele nur aus mir herausbrechen könnte, um es mir unter der Lupe anzusehen, ich würde es tun. Dieses undankbare Stück Seele, diesen Tintenfleck in meinem Hirn. Weißt Du Mitmensch, ich mag das Leben (zumindest die Idee davon, dass es irgendwie schön sein kann) und im gleichen Moment ist es genau dieses Leben mit dem ich nicht klar komme. Es ist, als wäre dieses Leben eine Suppe, wofür ich jedoch nur eine Gabel bekommen habe. Man weiß, die Suppe ist lecker, aber das Werkzeug schöpft einfach nichts.

Mitmensch, von welchem Besteck isst Du?

Zimmer-Tratsch.

Hallo Mitmensch,

scheint bei Dir die Sonne? Ich sehe sie durch die Rolläden blitzen und mein Kopf hämmert bereits seit dem Aufwachen wie verrückt.
Ich habe noch zwei Wochen frei bis ich meine neue Arbeitsstelle antrete. Mein Kiefer, der sich in der Nacht selbstständig zur einer Pressmaschine entwickelt, fühlt sich heute ganz besonders in Mitleidenschaft gezogen. Er fühlt sich nicht ganz so frei. Nicht ganz so nach Urlaub.
Mein Seelendings ist heute auf Leerstelle. Nichts ist besonders furchtbar, nichts besonders schön. So viel Körper, auf so wenig gehaltvollen Inhalt. Ich denke, das ist klassische Ressourcenverschwendung.

Kennst Du empathische Zimmer? Ich denke, ich besitze so eines. Mein Zimmer weiß bereits vor mir, dass das Schreckgespenst zu Besuch kommt. Die frisch gewaschene Wäsche liegt Tage bis sie in den Schrank geräumt wird (der nur etwa ein Meter vom Warteplatz entfernt steht), Staubflusen winken mir zu und Rolläden verweilen Tag und Nacht auf gleicher Position. Mein Zimmer spiegelt mich immer ganz wunderbar und hält so lange inne, bis ich wieder zum Großputz erwache. Momentan verspreche ich täglich: „Morgen, morgen packe ich es an!“. Mein Morgen hat inzwischen eine unnatürliche Länge angenommen.
Ich bin wirklich eine Freundin der Ordnung, aber sobald es in mir unordentlich wird, gesellt sich mein Zimmer ganz solidarisch dazu. Manchmal wünschte ich mir etwas weniger Solidarität und mehr Eigensinn. Vielleicht ist das aber zu viel verlangt, vielleicht ist dieser Spiegel sogar ganz wichtig (nur für den Fall, dass das Schreckgespenst wieder in „mir ist alles egal“-Manier hereinspaziert und meint, es könnte unbemerkt vor sich hinwerkeln).

Nun denn: wer bist Du eigentlich? Was führt Dich hier her? Wie viel Sonne trägst Du heute in Dir? Und: was würde Dein Zimmer heute über Dich erzählen?

Vorstellungsrunde.

Hallo Mitmensch,

ich bin einer Deiner Mitmenschen. Vielleicht kennen wir uns bereits, vielleicht auch noch nicht. Aber erstmal: Schön, dass Du da bist.
Du bist meine Hoffnung. Das klingt furchtbar theatralisch, aber im Kern stimmt es vielleicht.
Vor nicht einmal zwei Stunden lag ich wie ein Häufchen Elend in meinem Bett, mein Mascara vom weinen verlaufen und mein Inneres wieder einmal vollkommen umgeworfen.
Und wenn Du mich fragen würdest, ob es dafür einen Grund gab, dann könnte ich Dir nur antworten: Ja, aber ich kenne ihn nicht.
Ich bin gerade einmal 27 Jahre alt, aber immer wieder voller Sinnkrisen. Voll von Traurigkeit. Und manchmal, also oft, da fühle ich mich furchtbar verloren auf dieser Welt.
Diagnose: Depression. Depression, so nennt sich das Schreckgespenst also (auch wenn er für viele nur ein Modebegriff darstellt). Dieser Blog ist Antwort darauf und Du ein Teil meines Weges. Vielleicht weil Du mitliest, vielleicht weil Du kommentierst, vielleicht weil wir miteinander kommunizieren. Ich glaube, jede Depression fürchtet sich vor Mitmenschen. Vielleicht, weil sie durch sie nicht mehr ganz so bestimmend sein kann. Vielleicht, weil sie dann um ihre Selbstfixierung fürchten muss.
Welt, ich will Teil von Dir sein. Und wenn auch nur ein Bruchteil davon.

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